"Ohne Freiwilligenarbeit ginge viel Menschlichkeit verloren"

Lilian Studer, EVP-Grossrätin und Präsidentin von Benevol Aargau, über die Bedeutung von freiwilligem Engagement.

 

Ein Drittel der Aargauerinnen und Aargauer leistet Freiwilligenarbeit – unter anderem im sozialen, kulturellen oder sportlichen Bereich. Das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit will die gesellschaftliche Bedeutung der Freiwilligenarbeit sichtbar machen und zu mehr Anerkennung verhelfen.

Bericht in der AZ vom 27.2.2011 von Fränzi Zulauf:

 

«Freiwilligenarbeit ist eine Errungenschaft», sagt EVP-Grossrätin Lilian Studer. «Gäbe es sie nicht, wäre unsere Gesellschaft gar nicht mehr bezahlbar; vor allem aber ginge viel Menschlichkeit verloren.» Lilian Studer hat nicht nur einen beachtlichen Leistungsausweis, was ihr persönliches Engagement als Freiwillige im In- und Ausland angeht, sie steht auch als Präsidentin dem Verein Benevol Aargau vor. Benevol Aargau führt die 2010 eröffnete Fach- und Vermittlungsstelle für Freiwilligenarbeit in Aarau.

«Wir setzen uns für mehr Anerkennung, Vernetzung und Koordination der Freiwilligenarbeit ein», erklärt Lilian Studer. Im Auftrag des Kantons realisiert Benevol Aargau das Pilotprojekt «Drehscheibe Freiwilligenarbeit».

 

FREIWILLIGE LEISTEN wichtige Arbeit für die Gesellschaft. «Vieles kann durch professionelle Arbeit abgedeckt werden, vieles aber benötigt zusätzliche Kräfte. Gerade im Gesundheitsbereich kommt das Personal an Grenzen – dort, wo Leistungen nicht mehr bezahlt werden.» Etwa, wenn es um Zeit geht – einem Patienten etwa vorzulesen, mit einem Betagten ein Gespräch zu führen oder mit ihm spazieren zu gehen – können Freiwillige einspringen, die dafür eine Begabung haben. «Solche Einsätze sind menschlich sehr wichtig und eine grosse Unterstützung – für die Patienten, für das Heim- oder Spitalpersonal, für die Angehörigen », sagt Lilian Studer. «Handkehrum kann Freiwilligenarbeit für die Freiwilligen selbst sehr bereichernd sein. Im Kontakt mit Pflegebedürftigen beispielsweise bekommt man viel zurück. Man erhält Einblick in Gedanken und Welten, die einem vorher vielleicht fremd waren », weiss Lilian Studer. «Ich sehe auch, dass Freundschaften entstehen zwischen Freiwilligen, die gemeinsam tätig sind oder gewissermassen in einem Verein gross geworden sind. Das kann fürs ganze Leben verbindend wirken.» Tatsächlich entschliessen sich auch manche dazu, Freiwilligenarbeit zu leisten, weil sie sich alleine fühlen in ihren eigenen vier Wänden. «Manche Freiwilligen entdecken ganz neue Interessen und Begabungen und dies motiviert sie, dort weiter tätig zu sein und vielleicht sogar selbst neue Projekte zu initiieren. Freiwilligenarbeit schafft Kontakte und Selbstvertrauen.»

 

SO WERTVOLL die Freiwilligenarbeit ist, sei dies in Pfadi, Jungwacht oder Cevi, im Kulturverein, im Fussballclub, bei Pro Senectute, im Naturschutzverein oder in der Ortspartei, so wichtig ist es auch, dass die freiwillig Tätigen Anerkennung für ihre Leistung erhalten. «Im Berufsleben erfolgt Wertschätzung zu einem grossen Teil über den Lohn», erklärt Lilian Studer. «Bei der nicht bezahlten Arbeit muss die Wertschätzung anders erfolgen. Es ist zentral, dass die Freiwilligenarbeit wahrgenommen und öffentlich gemacht wird; es ist wichtig, dass man Zeit investiert, um sich mit den Freiwilligen auszutauschen, sich für ihre Arbeit bedankt, ihnen Weiterbildungen ermöglicht und offen ist für ihre Ideen und Anliegen.» Die Standards von Benevol Aargau definieren Rahmenbedingungen für eine bewusste Gestaltung von erfolgreichen Freiwilligeneinsätzen.

 

FREIWILLIGENARBEIT WIRD  grob in drei Bereiche eingeteilt: Die formelle Freiwilligenarbeit umfasst Vereinstätigkeiten, Ehrenämter, politische Ämter, Kirchenämter und Ähnliches mehr. Unter informeller freiwilliger Tätigkeit versteht man Hilfeleistungen für Freunde und Bekannte ausserhalb des eigenen Haushalts. Und wer Geld oder Naturalien spendet, engagiert sich im dritten Freiwilligen-Bereich. «Ja», bestätigt Lilian Studer, «das Spenden wird tatsächlich zur Freiwilligenarbeit oder, besser gesagt, zur freiwilligen Tätigkeit gezählt. Denn ohne finanzielle Unterstützung könnten zahlreiche Vereine und Organisationen ihre freiwilligen Tätigkeiten gar nicht ausführen.»